wie ein Haus, in dem die Sonne schläft

zuvorkommen - beistehen - begleiten

Trauerarbeit mit Kindern in Schule, Gemeinde und Trauergruppen

Das folgende Manuskript enthält allgemeine theoretische Aussagen zum Thema “Trauer” und praktische Anregungen zur Trauerarbeit mit Kindern in Schule, Gemeinde oder auch in Trauergruppen.
Es bietet somit sowohl Lehrern, als auch allen, die sich damit beschäftigen wollen, die Möglichkeit zur Erschließung und Gestaltung dieses Themenkomplexes.

Zusammengestellt zum internen Gebrauch von Pfarrer Th. Schmid.

I.
 I. Einführende Gedanken

      1. Ein guter Begleiter kennt den Weg -
      den eigenen Gedanken zum Thema Tod nachspüren


  • “Ich möchte nicht sagen, dass ich mich vor dem Tod fürchte.
     Ich möchte nur nicht da sein, wenn er zu mir kommt.“ 1

    • Mit diesen, dem Denken vieler Menschen entsprechenden Worten des Schau-spielers Woody Allen möchte ich unsere Überlegungen zum Themenbereich „Sterben, Tod und Trauer“ beginnen.

      Denn bevor wir darüber nachdenken können,

      • wie wir mit Kindern über Verlust, Trennung, Abschied, Tod und Leben nachdenken und reden können,
      • wie wir mit Kindern Trauer erleben und gestalten können,
         

      müssen wir, als solche,

      • die der Trauer von Kindern zuvorkommen wollen
      • den Kindern in Trauer beistehen wollen
      • die Kinder in der Trauer begleiten wollen

      um unser eigenes Verhältnis zu uns selbst wissen.

      Wir dürfen nicht tun, was Woody Allen meint, wenn er sagt: „Ich möchte nur nicht da sein, wenn er zu mir kommt!“ Da wir alle sterbliche Menschen sind und immer und zu jeder Zeit dem Tod in unterschiedlichsten „Gesichtern“ begegnen können, käme es einer Flucht aus der menschlichen Wirklichkeit gleich, vor der Tatsache des Todes davon zu laufen und dabei vielleicht auch noch erfolgreichen Ausgang zu erwarten.

      Zu glauben

      • was ich nicht sehen will, schaue ich nicht an,
      • wovor ich mir die Augen zuhalte, das gibt es nicht,

      das führt uns selbst in unsere Kindheit und lässt uns in den Kindern ein Reaktionsschema entdecken, das, mehr oder weniger ausgeprägt, bis ins Erwachsenen sein herein als ständige Versuchung auch in den meisten von uns liegt.

      Sich dieser Versuchung hinzugeben und zu glauben,

      • man könnte den Tod durch Ignoranz aus dem Leben

      verdrängen oder verbannen,

      • man könnte ohne den Tod leben,

      das wäre Entfremdung von einem selbst. Es würde uns zwar der Unbeschwertheit und Hoffnung unserer märchenhaften2 Kindertage näher bringen, allerdings auch eine gewinnbringende Auseinandersetzung mit den Urerfahrungen3 unseres Lebens verhindern.


      Selbst ein Kinderleben kennt

      • “leidvolle Erfahrungen
      • dunkle Erlebisse
      • unangenehme Gefühle, Angst, Unsicherheit
      • und tausend Fragezeichen angesichts einer Welt, die sich Kinderherzen oft verschließt.“4

      Was aus Kindertagen auch in uns liegt, drängt danach zumindest wahrgenommen zu werden.

      1 in Getraud Finger, Mit Kindern trauern, Seite 7
      2 vgl. Märchenabschluss:”...und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute!”
      3 Abschied, Trennungen, Verlust, Tod, Trauer
      4 Monika Specht-Tomann und Doris Tropper, Wir nehmen jetzt Abschied, Seite 7

       

      2. Ganz bei sich und mit dem anderen –
      Entdeckungsreise in die eigene Gefühlswelt

      „Nur wer bereit ist, sich auf eine Entdeckungsreise in das Land der eigenen Kindheit zu begeben, wird Kindern auf ihrer Suche nach Antworten auf ‚letzte Fragen’ hilfreicher Weggefährte sein können.“5

        a. Leitfragen6
         

        • Wann tauchten im eigenen Leben die ersten Fragen nach Sterben und Tod auf?
        • Welche Ereignisse rund um den Tod sind als innere Bilder vorhanden?
        • Welche Verlusterfahrungen haben die Kindheit geprägt?
        • Wie haben die Menschen im Umfeld der eigenen Kindheit auf Fragen über Sterben und Tod reagiert?
        • Wie schaut die eigene Verlust- und Abschiedsgeschichte aus?
        • Wie und mit wem ist es gelungen, eine Vorstellung von Leben und Sterben, von Tod und Vergänglichkeit zu entwickeln?
        • Wie haben sich meine Vorstellungen über das Sterben und über den Tod im Laufe der Lebensgeschichte verändert?
        • Was bedeutet der Tod in meinem derzeitigen Lebensabschnitt?
        • Und meine Angst…?
           

        b. Impulsfragen7
         

        • Impulsfrage 1

          Gehen Sie in der „Geschichte Ihrer Verluste“ Schritt für Schritt zurück in Ihre Kindertage, bis Sie in Ihren Erinnerungen auf die erste Verlusterfahrung stoßen.
          Versuchen Sie sich mit folgenden Fragen auseinanderzusetzen:
           
        • Ø Wie alt waren Sie, als Sie zum ersten Mal mit einem für Sie schmerzhaften Verlust konfrontiert waren?
        • Ø Um welchen Verlust handelte es sich – war es eine geliebte Person, ein Haustier, ein Spielzeug …?
        • Ø Welche Erinnerungen tauchen im Zusammenhang mit diesem Erlebnis in Ihnen auf?

          -  Was haben Sie damals gefühlt, gedacht, getan…?
          -  Wie hat Ihre Umwelt reagiert?
          -  Wie ist man mit Ihnen umgegangen?
          -  Was war für sie hilfreich, was war weniger gut?
           
        • Impulsfrage 2
        • Denken Sie an Ihre Herkunftsfamilie:
        • Ø Wie wurde in Ihrer Familie mit Verlust umgegangen?
        • Ø War es möglich, Trauer auszudrücken, zu weinen, zu klagen…?
        • Ø Wie wurde über den Tod gesprochen?
        • Ø Wurde überhaupt über den Tod gesprochen?


          Impulsfrage 3

          Nehmen Sie ein Blatt Papier und geben Sie sich einige Minuten Zeit. Versuchen Sie folgende Sätze mit mehreren Aussagen zu beenden:
        • Ø Leben ist für mich wie…
        • Ø Sterben ist für mich wie...
        •       Wenn ich an das Sterben denke, habe ich Angst vor...
        • 5 ebd. Seite 16
          6 vgl. ebd. Seite 16
          7 vgl. Seite 17

                     3. Sensenmann und großer schwarzer Adler –
                 Einflussfaktoren des persönlichen Todeskonzeptes

                 Soziales Umfeld ==>
                     Religion              ==>             Persönliches Todeskonzept
                     Kultur                ==>
 

          Impulsfrage 1 (Soziales Umfeld)9

          Welche allgemein bekannten Umschreibungen sind Ihnen für das Wort STERBEN bekannt?

          Welche allgemein bekannten Umschreibungen sind Ihnen für das Wort TOD bekannt?

          Machen Sie eine möglichst umfassende Liste!

          8 vgl. Tomann/Tropper, a.a.O. Seite 24
          9 vgl. ebd. Seite 25

          Impulsfrage 2 (Religion/Kultur)

          Welche Zeremonien und Rituale sind Ihnen rund um den Tod bekannt?
           

                               a. Der Tod im Bild
                              
Bilder von Käthe Kollwitz10
                                           10
Thomas Schmid, auf dem Weg im Land der Tränen, Seite 10


        b. Der Tod im Wort

        Der Tod der Geliebten ( R.M. Rielke)

        Er wusste nur vom Tod, was alle wissen:
        dass er uns nimmt und in das Stumme stößt.

        Als aber sie, nicht vom ihm fortgerissen,
        nein, leis aus seinen Augen ausgelöst,
        hinüberglitt zu unbekannten Schatten,
        und als er fühlte, dass sie drüben nun
        wie einen Mond ihr Mädchenlächeln hatten
        und ihre Weise wohl zu tun:
        da wurden ihm die Toten so bekannt,
        als wäre er durch sie mit einem jeden ganz nah verwandt;
        er ließ die anderen reden und glaubte nicht
        und nannte jenes Land
        das gutgelegene, das immersüße;
        und tastet es ab für ihre Füße.

         

        b. Der Tod im Lied
        Komm großer schwarzer Vogel
        (Ludwig Hirsch, CD: Komm, großer schwarzer Vogel)

        Komm großer schwarzer Vogel, komm jetzt!
        Schau, das Fenster ist weit offen,

        Schau, ich hab' Dir Zucker auf s Fensterbrett g'straht.

        Komm großer schwarzer Vogel, komm zu mir!
        Spann' Deine weiten, sanften Flügel aus
        und leg' s' auf meine Fieberaugen! Bitte, hol' mich weg von da!

        Und dann fliegen wir rauf, mitten in Himmel rein
        in a neue Zeit, in a neue Welt.
        Und ich werd' singen ich werd' lachen
        ich werd' "das gibt's net", schrei'n, weil ich werd' auf einmal kapieren worum sich alles dreht.

        Komm großer schwarzer Vogel, hilf mir doch!
        Press' Deinen feuchten, kalten Schnabel auf
        meine Wunde, auf meine heiße Stirn!

        Komm großer schwarzer Vogel,
        jetzt wär's grad günstig!
        Die anderen da im Zimmer schlafen fest
        und wenn wir ganz leise sind
        hört uns die Schwester nicht?
        Bitte, hol mich weg von da!

        Und dann fliegen wir rauf, mitten in Himmel rein,
        in a neue Zeit, in a neue Welt
        und ich werd' singen, ich werd' lachen,
        ich werd' "das gibt's net", schrei'n, weil ich werd' auf einmal kapieren, worum sich alles dreht.

        Ja, großer schwarzer Vogel, endlich!
        Ich hab' Dich gar nicht reinkommen g'hört,
        wie lautlos Du fliegst mein Gott,
        wie schön Du bist!

        Auf geht's, großer schwarzer Vogel, auf geht's!
        Baba, ihr meine Lieben daham!
        Du, mein Mädel, und du, Mama, baba!
        Bitte, vergesst's mich nicht!

        Auf geht's, mitten in den Himmel eine,
        nicht traurig sein, na, na, na ist kein Grund zum Traurigsein!
        Ich werd' singen, ich werd' lachen ich werd' "das gibt's net", schrei'n. Ich werd' endlich kapieren, ich werd'  glücklich sein!

         

    • 4. Zwischen den Polen des Lebens abschiedlich leben
    • Machen wir uns klar, dass der Tod Teil unseres natürlichen Lebensablaufes ist. Der Tod ist Teil der Schöpfung. Er ist uns nahe wie unser Bruder.13 „Unsere Lebensstrecke ist begrenzt, die uns zugemessene Zeit nicht zu verlängern. Schon der tägliche Schlaf ist Hinweggenommensein in ein ganz Anderes.“ Die Chinesen sagen: ‚Der Schlaf ist der kleine Bruder des Todes’14
    • 13vgl. Sonnengesang des Hl. Franziskus, “Herr, sei gelobt durch unseren Bruder, den leiblichen Tod...”
      14Dietrich Steinwede und Ingrid Ryssel, Tod und Leben erzählen und verstehen, Seite 3/Musik aus: Hubert von Goisern, Filmmusik zu Schlafes Bruder.

    • Wenn es auch eine Herausforderung für uns ist, mit diesen Wahrheiten gut umzugehen, so verspricht die Auseinandersetzung mit ihnen letztlich doch Stärkung für die Seele.
    • a. Ein Psalm (nach Ps 19)

      Ich habe gehört,
      wie die Sonne geredet hat,
      als sie unterging,
      groß und rot.

      Da hat sie gerufen:
      Mond! Komm! Es ist Zeit!
    • Und dann kam der Mond,
      silbern, zwischen den Wolken
      und sagte: Ich bin schon da!
    • Ich habe gehört,
      als der Mond am Himmel stand,
      wie er leise gesagt hat:
      Sonne, du musst bald kommen.
      Es will bald wieder Tag werden.
      Und die Erde möchte dich sehen.
      Und es ist schön auf der Erde,
      wenn sie denn Licht hat.
      Die Nacht war wie ein Haus,
      in dem die Sonne schlief.
      Und als sie aufwachte,
      kam sie aus der Tür,
      streckte sich und sagte:
      Guten Morgen!
    • Und dann kam sie,
      groß und hell,
      über die Dächer und machte,
      dass man die Häuser und die Bäume
      wieder sehen konnte.
    • Sie fing an zu laufen
      und lief über den ganzen Himmel
      und sie schaut in alle Häuser,
      und als wir beim Mittagessen saßen,
      war sie ganz hoch oben.
    • Am Abend ging sie wieder in ihr Haus
      und ehe sie die Vorhänge zuzog,
      und den Laden herunterließ,
      rief sie durchs Fenster:
      Mond! Komm! Es ist Zeit!
    • Der Mond und die Sonne reden mit dir,
      Vater im Himmel, wie wir es auch tun.
      Und es ist schön, dass du dich freust an dem,
       was wir dir sagen.

       
    • b. Mein Lebensbogen
       
      • Figuraler Lebensbogen
      • Wir können uns unser Leben zwischen den Polen „Geburt“ und „Tod“ als großen Lebensbogen  vorstellen.
      • Lebensbogen zur Bearbeitung
      • Machen sie sich einen Lebensbogen, indem sie die obere Hälfte eines Kreises zeichnen, links mit “Geburt”, rechts mit “Tod” beschriften. Am äußeren Rand “Texteinträge” und zur Mitte hin “Bilder/Zeichnungen”.Tragen sie in diesen zwei oder drei markante Punkte ein, die einen Abschied in Ihrem Leben markieren sollen. Spüren Sie nach, welche inneren Bilder in Ihnen entstehen, welche Gefühle und Gedanken mit diesem konkreten Abschied verbunden waren und sind.

 

      • Impulsfragen zum Lebensbogen 17
        • Ø Um welchen Abschied handelt es sich?

          Ist es ein Abschied:
          - von einer Lebensphase
          - von Freunden
          - von geliebten Menschen
          - vom Elternhaus
          - von einer Arbeitsstelle
          - von einer bestimmten Rolle
          - von liebgewonnenen Städten, Landschaften, Plätzen …
          - von Gegenständen
          - von Träumen
          - von Ideen und Idealen
           

          Ø Wie hat sich die Situation angekündigt?
           

            Gab es:
            - Vorahnungen
            - Vorankündigungen
            - Hinweise auf den bevorstehenden Verlust
             

            Oder:
             

            - Kam alles ganz plötzlich und unerwartet

            - Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?

            - Hatten Sie die Möglichkeit, den Abschied zu gestalten?

            - Wie haben Sie den Abschied gestaltet?
             

          Ø Welche positiven und negativen Auswirkungen haben sich für Sie aus dieser Abschiedssituation ergeben?

                                                   17 vgl. Tomann/Tropper, Figuraler Lebensbogen a.a.O., Seite 31

       

      5. Ich um zu sterben – ihr um zu leben

      a. Zwei Gedichte18

      Nun aber ist es Zeit,
      dass wir unseres Weges gehen:
      ich, um zu sterben,
      ihr, um zu leben.
      Welches von beiden das Bessere ist,
      dass wissen nur die Götter.



      Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
      dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
      blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
      zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

      Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
      bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
      um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
      in andre, neue Bindungen zu geben,
      und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
      der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

      Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
      an keinem wie an einer Heimat hängen,
      der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
      er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.

      Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
      und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
      Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
      mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

      Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
      uns neuen Räumen jung entgegen senden,
      des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
      wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

      18Sokrates; in Heike Baum, Ist Oma jetzt im Himmel?, Seite 4; Hesse, Stufen, in: Toman/Tropper, Seite 30

 

      b. Zusammenfassende Überleitung19


      Trauer anzunehmen und bewusst zu erleben ist nicht leicht.
      Sie ist ein starkes Gefühl, ein Gefühl das vom ganzen Menschen Besitz ergreift. Trauer ist eines der ungeliebtesten Gefühle.

      Trennung ist schmerzhaft und dennoch immer auch ein Ereignis des Wachsens und der inneren Weiterentwicklung.

      Selten wird uns bewusst, dass viele kleinere und größere Abschiede in unserem Leben nötig sind und waren, um unseren ganz persönlichen Lebensweg zu gehen. Jeder Abschied ist im eigenen Lebensbogen ein Stück Sterben für Kinder wie für Erwachsene, von Geburt an bis zum Tod.

      Kinder sind angewiesen auf Menschen, die bereit sind, sich mit dem Gefühl von Trauer, Trennung, Abschied, Verlust und Sterben auseinanderzusetzen, um so aus eigenen Erfahrungen heraus den Kindern zu lernen, wie man mit diesen schmerzhaften Gefühlen umgeht und welche Chancen, Möglichkeiten und Rituale es gibt, um die notwendigen kleinen und großen Abschiede des Lebens zu gestalten.

      Es ist nicht schön, aber gut, wenn wir als Erwachsene so bewusst leben, dass mit jedem Verlust alte Erfahrungen aktiviert und der alte Schmerz spürbar wird, weil wir damit über uns selbst den Zugang zu den Kindern finden.

      Im Grunde sind auch wir Erwachsene immer wieder neu auf der Suche nach dem Umgang mit Abschied. Und wir werden nur das überzeugend vermitteln können, was aus unserer eigener Erfahrung und aus eigenem Fühlen kommt.

      „Kinder – wie Erwachsene – brauchen Menschen, die Verständnis für den jeweiligen Trennungsschmerz haben, die einfühlsam die Reaktionen aushalten und die behutsam aus den Tränentälern heraus begleiten können.“ 20

      19Tomann/Tropper, a.a.O., Seite 15-53 und Heike Baum, a.a.O., 4 f.
      20ebd. Seite 55

       

II. Grundsätzliches zum Thema Trauer mit Kindern
 

      1. „Ich bin das Wichtigste auf der Welt“ - wenn Kinder trauern21

      Kinder trauern anders als Erwachsene. Das ist selbstverständlich? – Nur machen wir uns darüber zu wenig Gedanken solange uns das nicht unmittelbar betrifft. Kinder in ihrer Trauer zu verstehen, um sie so auch gut begleiten zu können setzt aber voraus, dass wir uns Zeit nehmen, uns in ihr Denken und Empfinden, in ihre ganze Erlebniswelt altersentsprechend einzufühlen.

      So bereiten wir uns darauf vor, die Zeichen, Botschaften und Signale trauernder Kinder dann aufzunehmen, wenn es im wahrsten Sinn des Wortes „NOT-wendig“ wird.

      Wie aber trauern nun Kinder? - Was sollte man wissen von:

        • ihrem Zeitgefühl
        • ihrer Fähigkeit, lebendig und unbelebt zu unterscheiden
        • ihrer Gedächtnisleistung und ihrem Vorstellungsvermögen
        • ihrer Phantasie
        • ihren verbalen und nonverbalen Ausdrucksformen
        • ihren Hoffnungen, Wünschen, Ängsten, Schrecken…und Sorgen
        • ihren Allmachtsgefühlen und ihrem „Wunsch-Automatismus“


      Eine Auswahl auf überschaubare Länge zusammengestellter grundsätzlicher Leitgedanken soll den erwachsenen Begleiter befähigen die Welt des trauernden Kindes zu verstehen.

       

      2. Entwicklung eines Todes- bzw. Trauerkonzeptes beim gesunden Kind22
       

        a. Dominante Dimensionen der Entwicklung23
         

        •  Nonfunktionalität
          Darunter versteht man den Zusammenhang zwischen Leben und funktionierenden Körperfunktionen einerseits und Tod und dem Aussetzen dieser lebenswichtigen Funktionen andererseits.
           
        • Irreversibilität
          Der Tod – so er einmal eingetreten ist – kann nicht rückgängig gemacht werden.
           
        • Universalität
          Die Einsicht, dass alle und alles einmal sterben muss.
           
        • Kausalität
          E
          s wird die Tatsache berücksichtigt, dass die Ursachen des Todes biologischer Natur sind.

                                         21Angelika und Waldemar Pisarski, Das Sterben ins Leben bringen - Kinder beim 
                                                         Trauern begleiten, Seite 33 ff.
                                                       22Kurze Zusammenschau nach Wintsch, Wittkowski, Zengafinen, Löble und   
                                                         Tomann/Tropper
                                                       23vgl. Tmann/Tropper, a.a.O., Seite 66f             

 

        b. Alterstypische Vorstellungen, Reaktionen und Trostmöglichkeiten24
         

        • bis zu drei Jahren
           
        • Bedeutung des Todes
          • Ø Der Tod kann nicht begriffen werden. Es fehlen die kognitiven Voraussetzungen abstrakte Begriffe zu begreifen.

            Ø Das Kind kann noch sehr wenig oder gar nichts mit dem Begriff „Tod“ anfangen. Es reproduziert aber sehr früh Verlust und Tod. (Streichholz anzünden, um es dann ganz schnell wieder auszublasen)

            Ø Verlust und Trennungsangst schlagen sich in symbolisierenden Riten des „Da / Nicht-Da“ Spielens nieder.

            Ø Das Kind im nichtsprachlichen Stadium erkennt zwar nicht den Tod, es erkennt aber die Abwesenheit eines Menschen. Weg sein und tot sein ist gleichbedeutend.

            Ø Möglich ist auch die Unterscheidung zwischen belebt und unbelebt. Diese Fähigkeit wird nach und nach ausgedehnt.

            Ø Die Endgültigkeit des Todes wird nicht erfasst.

             (Rollenspiele: „Du bist doch jetzt schnell tot, weil du einen Autounfall hattest, aber dann bist du ja wieder lebendig…“)
             

        • Alterstypische Reaktionen
          • Ø Das Kind erlebt in dieser Zeit einen Verlust ausschließlich durch traurige Stimmung und Gefühle.

            Ø Verhaltensweisen, die Unbehagen ausdrücken: Änderungen im Ess- und Schlafverhalten, Reizbarkeit, scheinbar grundloses Weinen.

            Ø Wut, Zorn, Frustration, Angst können gezeigt und ausgelebt werden.

            Ø Warten und suchen.
             

        • Trostmöglichkeiten24
           
          • Ø Keine Veränderung der häuslichen Abläufe und Pflegegewohnheiten.

            Ø Essenszeiten, Spielen, Singen, Geschichtenvorlesen, alles sollte so wie immer stattfinden, was für die betroffenen Erwachsenen oft sehr schwer ist.

            Ø Emotionale Zuwendung: Kleine Kinder können das Geschehen noch nicht verstehen, wohl aber spüren sie die Trauerreaktionen der Erwachsenen um sie herum. Daher brauchen Kinder in dieser Zeit sehr viel Nähe durch Berührungen und Zärtlichkeiten.

            Ø Auch in dieser Altersgruppe sollte der „Tod“ beim Namen genannt werden. (Hilfe: Märchen und Geschichten!)

            24hier und in Folge: Tomann/Tropper, a.a.O., Seite 141 ff

 

        • zwischen drei und fünf Jahren
           
        • Bedeutung des Todes
          • Ø Das Kind gewinnt langsam eine gewisse Vorstellung vom Tod. Es benutzt das Wort; die entsprechende Empfindung dazu aber fehlt noch.

            Ø Kinder in diesem Alter nehmen noch nicht an, dass sie auch selbst einmal sterben müssen. Der Tod trifft alte Menschen, „böse“ Menschen – niemals aber das Kind selbst.

            Ø Dem Kind ist nicht klar, dass der Tod unvermeidlich ist. Im Gegenteil: Das Kind glaubt in einer „Magischen Phase“ den Tod durch bestimmte Verhaltensweisen vermeiden zu können. (verstecken!)

            Ø Der Tod wird als vorübergehender Zustand, als Reise oder Schlaf, angesehen.

            Ø Statt Nonfunktionalität glaubt das Kind an ein abgestuftes Lebendigsein.

            Ø Äußere Todesursachen, wie Gewalteinwirkung werden als solche erlebt, innerorganische Ursachen jedoch noch nicht.
             

        • Alterstypische Reaktionen
          • Ø Das Kind hat ein großes Bedürfnis den Tod zu erforschen. (Getier wird verfolgt und oft grausam gequält und getötet; in Indianer- und Kriegsspielen konfrontiert sich das Kind selbst mit dem Tod)

            Ø Verwirrung bei schweren Verlusten taucht auf.
            (unaufhörliches Suchen)

            Ø Entwicklungsrückschritte (Regression) sind möglich.
             

        • Anmerkung
          • Ø Es ist wichtig, die Wünsche des Kindes nach Kreativität zu unterstützen, seine Neugierde nach Erfahrungen und Wissen über Tod und Leben zu befriedigen. Ebenso wichtig sind Gespräche, die das Kind für die Gefühle und Rechte anderer Lebewesen sensibilisieren.

 

        • Trostmöglichkeiten
           
          • Ø Das starke Bedürfnis, den Tod zu erforschen, unterstützen.

            Ø Kinder zum Fragen und Mitreden über den Tod in der Familie ermutigen.

            Ø Klare Antworten auf alle Fragen.

            Ø Förderung des kreativen Ausdrucks, z. B. Malen eines Bildes von der Beerdigung.

            Ø Lob und Anerkennung: Kinder brauchen in dieser Zeit neben Sicherheit gerade Lob und Anerkennung für all ihre Arbeiten und Aktivitäten zur Stärkung des eigenen Selbstwertgefühls.
             


 

        • zwischen sechs und acht Jahren
           
        • Bedeutung des Todes
          • Ø In diesem Alter beginnt die personifizierte Vorstellung vom Tod . (Engel, Sensenmann, Skelett…)

            Ø Das sachliche Interesse am Tod ist jetzt am größten.

            Ø Das Kind stellt die Beziehung zu logischen und biologischen Tatsachen her. (kein Puls; keine Temperatur; keine Atmung Tod!)

            Ø Erste Fragen nach dem, was nach dem Tod kommt tauchen auf.

            Ø Ab neun Jahre richtet sich die Aufmerksamkeit langsam direkt auf den Tod, nicht mehr nur, wie bisher, auf die Peripherie. (Grab, Beerdigung…)

            Ø Mit zunehmendem Alter nimmt das Bewusstsein, selbst älter zu werden und irgendwann einmal sterben zu müssen zu und damit auch das Interesse am Tod.

            Ø Der Tod wird als Strafe für alles Schlechte, was man getan hat, gesehen: Das Schlechte, das der Tote selbst getan hat, aber auch das Schlechte, das die trauernden Angehörigen getan haben. So gesehen könnte der Tod eines Angehörigen auch eine Strafe für die Fehler des Kindes sein!
             

        • Alterstypische Reaktionen
          • Ø Gedankliche Verknüpfungen werden jetzt hergestellt. (erlebtes Sterben im Krankenhaus auf Krankenhaus folgt immer Sterben  Kind will nie ins Krankenhaus)

            Ø Das eigene Sterben wird zunächst noch wissentlich geleugnet/verdrängt. Ab ca. acht Jahre wird es jedoch immer mehr auch als Schicksal angenommen.

            Ø Verlust- und Trennungsängste

            Ø Unterschiedliche Vorstellungen wechseln sich ab
            (Realität/Phantasie)

            Ø Interesse an allen Dingen rund um den Tod
            Langsames Herauskristallisieren der Begriffe: Endgültigkeit, eigene Endlichkeit, Leib-Seele…
             

        • Trostmöglichkeiten

                                                   Ø In einer offenen, ehrlichen und klaren Sprache sprechen.

            Ø Klären Sie vorsichtig die Umstände, die zum Sterben oder zum Tod geführt haben, warum dieser Mensch im Sterben liegt oder gestorben ist.

            Ø Auf die Reaktionen und Gefühle des Kindes achten.
            Aktiv zuhören!

            Ø Nehmen Sie sich Zeit, um das Kind in Ruhe und Gelassenheit über seine Ängste und Sorgen sprechen zu lassen.

            Ø Die Gelegenheit geben, in Geborgenheit alles aussprechen zu dürfen, auch Anklagen und Wut.

            Ø Reise durch die Welt der Erinnerung. (Fotoalben, Filme…)

            Ø Kinder in Fragen der Begräbnisfeier… einbeziehen.

             

        • zwischen zehn und vierzehn Jahren
           
        • Bedeutung des Todes
          • Ø Jugendliche ordnen den Begriff „Leben“ Menschen, Tieren und Pflanzen zu.

            Ø Sie können unterscheiden zwischen Formen des Lebens, dem eigenen Ich und der übrigen Realität.

            Ø Sie können die Endgültigkeit und die weitreichende, unausweichliche emotionale Bedeutung des Todes erkennen.

            Ø Alle wesentlichen Denkmuster, die auch die Erwachsenen haben werden ab etwa 12 Jahre gedanklich zugänglich.

            Ø Abwehr und Unbehagen dem Tod gegenüber können sie rau formulieren.

            Ø Der Tod wird skeptisch sachlich als unausweichliches Ereignis am Lebensende konstatiert.
             

        • Alterstypische Reaktionen
          • Ø Durchleben der Trauerphasen

            Ø Auftauchen der Sinnfrage für das eigene Leben

            Ø Fragen nach einem Leben nach dem Tod

            Ø Individuelle Trauergestaltung

            Ø Interesse an allen Dingen rund um den Tod

            Ø Häufiger als bisher körperliche Symptome
                  
            (Kopf-, Magenschmerzen, Schlafprobleme…)

 

        • Trostmöglichkeiten
                  
                    
          Ø
          Zeit und Raum zum Rückzug geben.
                          
          (z. B. lautes Musik hören)

                      
          Ø Gespräche nie aufzwingen. Den richtigen Zeitpunkt bestimmt
                             der Jugendliche selbst.                    

                    
          Ø Heftige und oft widersprüchliche Gefühle und Emotionen
                             zulassen.
                    
          Ø Ehrliche Antworten! Wo keine Kenntnis, da keine Antwort!
                             Sind Sie, der Sie sind!

                    
          Ø Kein Aufschub wichtiger Informationen.
           
                    
          Ø Teilnahme an Abschiedsritualen ermöglichen.
           
                    
          Ø Lebensrhythmus beibehalten helfen.
           

      • c. Allgemeine Ausdrucksformen von Trauer
        • Ein kurzer Überblick
          • Ø Kinder können Gefühle nicht ohne weiteres benennen
            Was sie fühlen zeigen sie meistens im Tun.
            (Spielen, Zeichnen, Selbstgespräche)

            Ø Unbewusst spiegelt sich ihre Gefühlswelt auch in körperlichen Reaktionen wider. (Appetitlosigkeit, unruhiger Schlaf, plötzliche Aggressivität, sozialer Rückzug)

            Ø Kinder haben immer den Wunsch möglichst normal zu sein.

            Ø Was sie verunsichert, versuchen sie zu verdrängen.

            Ø Kinder reagieren auf Verluste oft mit Wut, z. T. mit ungerichteter Aggression, aber auch mit direkten Vorwürfen an die Eltern oder den überlebenden „Elternteil“.

            Ø Kinder trauern sprunghaft, fragen direkt, sind „himmelhochjauchzend zu Tode betrübt“.

            Ø Kinder fragen altersentsprechend viel zur Peripherie des Todes, in späteren Entwicklungsstufen dann danach, was mit dem Toten selbst passiert.

            Ø Kinder haben oft „Wiedervereinigungswünsche“. (decken den Tisch für Verstorbene)

            Ø Kinder trauern unmittelbar. Sie wollen traurig sein, wenn sie wollen.

            Ø Kinder nehmen oft intensiv Kontakt zu Haustieren oder Plüschtieren auf. Diese sind immer verfügbar, schweigend und hörend.

            Ø Kinder sind nicht gerne Außenseiter. Deshalb erwarten sie Aufmerksamkeit, Verständnis und Gesprächsmöglichkeiten.

            Ø Kinder reagieren oft mit Trennungsängsten.
             

    • 3. Trauerphasen25
    • „Auch Kinder gehen den Weg durch die Trauer. In ihrem Fall ist es aber noch schwieriger, die unterschiedlichen Stationen der Trauer zu erkennen oder voneinander zu trennen. Sie müssen den Abschied von einem geliebten Menschen zu einem Zeitpunkt verkraften, zu dem sie noch nicht über eine gefestigte Persönlichkeit verfügen. Gerade deshalb brauchen sie die Bestätigung, dass der Wirrwarr an Gefühlen, dem sie ausgesetzt sind, richtig und normal ist.“26
      25nach Verena Kast und Kübler-Ross in: Gertraud Finger, mit Kindern trauern, Seite 15 ff./ Tomann/Tropper, a.a.O. Seite 37 ff.
      26Gertraud Finger, mit Kindern trauern, Seite 14 f.
      • a. Die Zeit des Leugnens
         

        • Typische Verhaltensmerkmale
           
          • Ø Ungläubigkeit bis zum Abstreiten des Todes
            Ø Leere, Hohlheit, Stumpfheit
            Ø Empfindungslosigkeit, Erstaunen darüber, dass man nicht
                   weinen kann
            Ø Betäubung, roboterhaftes Funktionieren
            Ø Chaos, Starre
             

        • Typische Äußerungen
          • Ø Nein, das kann doch nicht wahr sein!
            Ø Das ist doch nicht möglich!
            Ø Das ist alles so unwirklich!
            Ø Ich fühle mich so verloren!
             

        • Wesentliches für die Begleitung
          • Ø Da-sein ohne viel zu fragen
            Ø Alle Gefühle und Reaktionen des Trauernden zulassen
            Ø Hilfe bei der Aufrechterhaltung des Tagesrhythmus
            Ø Alltägliche Besorgungen übernehmen

             

        b. Die Zeit der Gefühlsausbrüche
         

        • Typische Verhaltensmerkmale
          • Ø Aufbrechende Gefühle
            Ø Wut, Zorn, Ohnmacht, Traurigkeit, Angst, Schuldgefühle,
                   Freude, Dankbarkeit 
            Ø Stimmungsschwankungen
            Ø Allgemeine Reizbarkeit
            Ø Aggressionen gegenüber der Außenwelt, gegenüber sich
                   selbst, gegenüber dem Toten, der einen verlassen hat,
                   gegenüber Gott, der dies zugelassen hat.
             

        • Typische Äußerungen
          • Ø Warum ich?
            Ø Mich einfach alleine zurücklassen!
            Ø Wie konntest du mir das antun?
            Ø Wären wir doch nicht weggefahren
            Ø Hätte ich mehr getan, dann wäre er nicht tot!
            Ø Wieso gibt mir Gott erst mein Kind, wenn er es dann wieder
                   nimmt? Wie kann der das tun!
             

        • Wesentliches für die Begleitung
          • Ø Gefühlsausbrüche nicht persönlich nehmen
            Ø Wut und Zorn ebenso akzeptieren wie Depression
            Ø Probleme aussprechen lassen
            Ø Schuldgefühle zur Kenntnis nehmen, nicht ausreden wollen
            Ø Nicht werten und interpretieren, nur Zuhören
             

             

        c. Die Zeit des Abschiednehmens
         

        • Typische Verhaltensmerkmale
          • Ø Ruhelosigkeit
            Ø Ziellose Aktivität
            Ø Unfähigkeit, sich zu konzentrieren; Vergesslichkeit
            Ø Erinnerungen auffrischen, vom Toten erzählen
            Ø Gemeinsame Tätigkeiten wieder aufnehmen
            Ø Zum Friedhof gehen
            Ø Innere Zwiegespräche mit dem Toten führen
            Ø Träume über Begegnungen mit dem Toten
             

        • Typische Äußerungen
          • Ø Ich sehe meine verstorbene Tochter manchmal. Ganz kurz
                   aber ganz wirklich. Ich habe Angst, wahnsinnig zu werden.
            Ø Ich glaube ihn heute noch im Garten zu sehen…!
            Ø Immer ist er Punkt sechs nach Hause gekommen.
            Ø Ich träume oft von ihr!
            Ø Wie sehr er doch mein Leben bestimmt hat!

             

        • Wesentliches für die Begleitung
          • Ø Geduld und Zeit lassen
            Ø Verschiedene Formen des Suchens aushalten
            Ø Keine Zensur vornehmen – alles darf seinen Platz haben
            Ø Es geht in dieser sehnsuchtsvollen Phase darum, „das Leben,
                   das man miteinander gelebt hat, in Erinnerung sozusagen
                   “auferstehen” zu lassen.27
            27Verena Kast, in: Gertraud finger, a.a.O., Seite 20

 

        d. Die Zeit der Erschöpfung
         

        • Typische Verhaltensmerkmale
          • Ø Rückzug, verminderter Kontakt zur Umwelt, Erschöpfung
            Ø Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit
            Ø Depressive Verstimmtheit
            Ø Einsamkeit, Verzweiflung
            Ø Gefühl der inneren Leere
            Ø Körperliche Beschwerden, Appetitlosigkeit
            Ø Gefahr des Nachsterbens
            Ø Bei Kindern Rückfall in frühere Entwicklungsstufen
                  
            (Regression)
             

        • Typische Äußerungen
          • Ø Wie lange muss ich eigentlich noch leben?
            Ø Mich versteht sowieso keiner!
            Ø Es hat alles keinen  Sinn mehr!
            Ø Das Leben ist nicht mehr schön!
             

        • Wesentliches für die Begleitung
          • Ø Aufmerksamkeit auf suizidale Hinweise
            Ø Soziales Netz stärken
            Ø Ggf. gesundheitliche Klärung unterstützen
            Ø Neuorientierung unterstützen
            Ø Zeit lassen! Traurigkeit und Niedergeschlagenheit gehören
                   zum “Heilungs”-prozess (Trauer ist keine Krankheit)
             

                

        e. Die Zeit des Neubeginns
         

        • Typische Verhaltensmerkmale
          • Ø Anerkennung der Realität des Todes
            Ø Entscheidung zum Leben, Neuorientierung
            Ø Anerkennung der geänderten Realität
            Ø Suchen nach neuen Rollen und neuen Beziehungen
            Ø Glück, Freude, Dankbarkeit
            Ø Ruhe, Selbständigkeit
             

        • Typische Äußerungen
          • Ø Jetzt fühle ich mich endlich wieder befreit!
            Ø Er ist mein innerer Begleiter!
            Ø Ich bin stolz auf mich, das gemeistert zu haben!
            Ø Ich versteh jetzt, was es heißt, jemanden zu verlieren.
             

        • Wesentliches für die Begleitung
          • Ø Prozess des Loslassens unterstützen
            Ø Das Nicht-mehr-gebraucht-Werden akzeptieren
            Ø Sensibel bleiben für mögliche Rückschritte
             

 

      4. Dafür bist du nicht zu klein – mit Kindern über den Tod reden

        a. Grundsätzliches

        • Mit Kindern über den Tod reden ist ganz gewiss keine leichte Aufgabe. Eine „Checkliste“ oder ein Rezept, wie sie in anderen Zusammenhängen begegnen, kann und darf es hierfür nicht geben. Zu sehr ist jede Antewort auf Kinderfragen abhängig von situationsbezogenen Gegebenheiten:
          • Ø Situation und Person des Kindes
            Ø Alter des Kindes
            Ø Ort, Zeit und Art des Gespräches
            Ø Momentane Stimmung der Gesprächspartner
            Ø Derzeitige innere Verfasstheit der Gesprächspartner
            Ø Verhältnis der Gesprächspartner zueinander
            Ø Vorgeschichte, d.h. Krankheits- und Todesumstände
            Ø Echtheit des erwachsenen Gesprächspartners
             

        b. Gesprächsrichtlinien

        • Unter a. Gesagtes vorausgesetzt, sollen ein paar allgemeine Ge-danken zum Gespräch mit Kindern über den Tod hilfreich sein:
          • Ø Nicht ausweichen, nicht vertrösten
            Wann und unter welchen Umständen Kinder auch immer Fragen über den Tod stellen und darüber sprechen wollen, der Erwachsene darf niemals ausweichen oder gar vertrösten, in der Hoffnung dass das Kind dann wieder vergisst, was der Erwachsene nicht beantworten will oder kann. Wenn die Zeit ungünstig ist, hat selbstverständlich auch der erwachsene das Recht den Zeitpunkt des Gespräches zu verlagern. Dabei ist es aber sehr wichtig, diesen nicht auf ungewisse Zeit zu verschieben, sondern mit dem Kind einen festen Termin vereinbaren, um so zu signalisieren, dass man das Kind ernst nimmt und vor der Frage nicht flieht, auch wenn man davor Angst hat.

            Ø Nichts tabuisieren, vielmehr behutsam beruhigen und klären
            Alle Fragen sollen vom Kind gestellt werden dürfen. Sie sollen offen und ehrlich beantwortet werden, jedoch mit angemessener Einfühlungskraft. („Wie hast du dir das gedacht?“) Diese Behutsamkeit ermöglicht es, die kindliche Vorstellung zu erkunden und vermeidet unnötige Überforderung des Kindes. Ein Kind erwartet oft keine wissenschaftliche Erklärung, sondern Beruhigung und Klärung. Bei kindlichen Fragen ist immer auf die versteckte Frage zwischen den Zeilen zu achten. Ggf. ist ebenso versteckt, symbolisch oder in Bildern zu antworten.

            Ø Rückmeldungen erbitten, Bereitschaft zu weitern Ge-sprächen zeigen, angstmachende Antworten vermeiden
            Am Ende eines Gespräches sollte immer gefragt werden, ob das Kind mit der Antwort zufrieden ist bzw. ob sie momen-tan ausreicht. Auf keinen Fall sollte der Eindruck entstehen, es sei jetzt endlich alles gesagt. Angstmachende Antworten sind, soweit im Voraus erkennbar, zu vermeiden. Glaubens-vorstellungen, bildreich hoffnungsvolle Antworten aus der Bibel sind als großer Schatz der Trostmöglichkeiten zu sehen.

            Ø Nicht ausschließen, Besuche am Sterbe- oder Totenbett vorbereiten und ermöglichen
            Kinder sollen behutsam, trotzdem aber rechtzeitig auf den Tod vorbereitet werden, besonders, wenn ein nahes Familienmitglied in Gefahr ist zu sterben. Es ist mit Nachdruck zu betonen, dass nicht die Konfrontation mit dem Tod, sondern die Erfahrung des Ausgeschlossenseins ein Trauma im Kind verursachen kann. Kleineren Kindern ist der Besuch von Sterbenden und Toten nach guter Vorbereitung zu ermöglichen. Jugendlichen kann man ggf. auch ein Gespräch mit Sterbenden zumuten.

            Ø Hilfe und Beistand anbieten
            Man kann helfen, indem man angst- und schuldbeladene Gefühle auszusprechen und zu bearbeiten hilft, um eine realistische Sichtweise des Geschehens zu erzielen. Kinder sind auf wirklichkeitsnahe Weise auf bevorstehende Veränderungen vorzubereiten. (Trauerfeier mit Kindern noch vor der „großen“ Beerdigung) Trauerfeiern finden am besten im kleinen und vertrauten Kreis der trauernden Familie statt. Von Trauergottesdiensten sollten Kinder nicht ausgeschlossen werden, sondern vielmehr an der Seite eines vertrauten Menschen spüren, dass es trotz aller Traurigkeit und allem Trennungsschmerz geborgen und geschützt ist.

            Ø Nicht zum Reden drängen, Körpersprache lesen
            Oft wird die Frage gestellt, wie viel ein Kind verkraften kann. Das ist u. a. abhängig von seiner Sensibilität, seiner Kreativität und dem Wahrnehmungsvermögen dessen, der mit dem Kind spricht.
             

        c. Gesprächskonzept (BELLA)
         

          B eziehung herstellen

           

          E rfassen der Situatuon

           

          L inderung der Symptome

           

          L eute miteinbeziehen

           

          A nsätze zur Problembewältigung

           

           

      Trauer gestalten
      “Sehr oft drücken Kinder ihre Trauer zunächst einmal nicht in Worten aus, sondern im Tun, im Spiel, im Bewegen, im Rückzug oder aber auch in der Suche nach körperlicher Nähe. Wir wehren dieses kindliche Verhalten nicht ab, sondern unterstützen es und arbeiten mit ihm. Wir nehmen es auf und bieten dieser Art, sich auszudrücken, eine Form und einen Rahmen an.“28
      Im Folgenden finden sich dafür Beispiele, Ideen, Anregungen. Natürlich kann dies nur eine Auswahl sein und das Beschriebene muss den jeweiligen Alterstufen zugeordnet und angepasst werden.
      28Angelika und Waldemar Pisarski, das Sterben ins Leben bringen - kinder beim Trauern begleiten, Seite 59.

      Es wird auffallen, dass diese nicht nur auf den „akuten Trauerfall“ bezogen sind. Trauerarbeit in der Schule hat die nicht hoch genug einzuschätzende Möglichkeit im umfassenden Sinn zu wirken.
       
      Zuvorkommen –  über Sterben, Tod und Trauer reden, bevor es notwendig ist.

      Beistehen –         da sein für Kinder, die sich nach einem Verlusterlebnis alleingelassen
                                   fühlen.

      Begleiten –         mitgehen auf dem Weg aus dem „Chaos“ zurück ins „normale“
                                   Leben.


      Dazu finden sich in den unterschiedlichen Lehrplänen immer wieder Themenbereiche, die eine Bezugnahme ermöglichen oder gar fordern.

      Auch das Kirchenjahr bietet nicht wenige Anlässe über Leben, Sterben, Tod und Trauer nachzudenken und zu reden.
       

Unsere Aufgabe ist es nun diese drei Phasen der Trauerarbeit in der Schule -selbstverständlich auf der Basis des bisher Gesagten -  in den  Unterricht einzubringen und zu gestalten.

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